Atmen

Atmen

Atmen - rote Gardine

Vom Bett wende ich meinen Blick zum offenen Fenster. Ich sehe aber nichts. Doch, ich sehe die zugezogenen, bodenlangen und dunkelroten Gardinen. Der Wind bauscht sie ins Zimmer. Und dann zieht er sie wieder raus, sodass sie bestimmt einen kleinen Schatten auf den Gehsteig werfen. Aber dieses Draussen sehe ich nicht. Nicht den unermüdlich zwitschernden Vogel und auch nicht die zwei bis drei Menschen, die sich auf der Strasse unterhalten.

Worüber reden sie? Und warum? Warum reden sie überhaupt auf der Straße? Menschen reden doch nicht mehr auf der Straße. Früher ging man zu Fuß von A nach B. Auf dem Weg traf man vielleicht jemand, der von B nach A ging und man schenkte sich ein echtes oder falsches Lächeln, fragte nach dem Wohlergehen des Anderen oder machte eine geistreiche Bemerkung zum Wetter. Und dann ging man weiter.

Oder man hatte sich tatsächlich was zu erzählen. Zum Beispiel über die Entdeckung des Youtube-Videos, in dem der virtuose Rostropovich “Dance of the Elves” spielt. Oder man tauschte Details über die Vorteile des responsiven Designs aus. Natürlich hat sich niemand jemals darüber auf der Straße unterhalten. Und auch die zwei bis drei Menschen unten auf der Straße unterhalten sich nicht über meine hervorstehendes Adergeflecht am Handgelenk, das mir so gut gefällt. Die Wörter verzerren sich bis sie hier oben an mein Ohr gelangen, aber ich bin mir sicher, dass sie sich nicht über die Verirrungen meines Lebensplans unterhalten. Oder doch?

Es ist wirklich nicht leicht zu verstehen, worüber sie sprechen. Über die 2,7 Kilo, die ich im letzten Monat zugenommen habe, weil mich die Nervosität sonst aufgefressen hätte? Nein! Wohl kaum! Bestimmt über das zerrüttete Verhältnis zwischen meinem Aussen-Ich und meinem Innen-Ich. Sie sprechen und hören nicht auf. Die Luft kommt aus dem einen Mund raus und wird vom anderen Mund eingesaugt. Und ehe sie ganz verbraucht ist, haucht der Dritte Luft in den Zwischenraum. Und die anderen saugen sie wieder ein. Aus, ein, aus, ein.

Nur hier oben, verdammt noch mal, hier ist keine Luft.