Welle und Flut

Welle und Flut

Mein Beitrag zu Johannes‘ #Meerparade beginnt unter Tage, mit einer Geschichte, die mir meine Oma erzählte. Sie lebte um 1910 herum als Kind in einer Bergbausiedlung in Gladbeck. Ihre aus dem slowenischen Teil der KuK-Monarchie ausgewanderten Eltern kamen ins Ruhrgebiet, weil es hier Arbeit gab. Doch der Vater wanderte bald in die USA aus, wollte dort Geld verdienen und irgendwann zurück kehren. Er starb bei einem Unfall unter Tage. Meine Oma ging mit ihrer Mutter an Bord eines Schiffes Richtung Amerika, um den verstorbenen Vater nach Deutschland zu überführen. Mit dem Schiff nach Amerika! Abenteuer! Die kleine Klaudia war beeindruckt. Meine Oma wollte mir eine traurige Geschichte erzählen, doch bis heute habe ich das Bild eines riesengroßen, langsam über das Meer tuckernden Schiffes vor Augen, dazu das Gefühl von Abenteuer.

Da kannte ich Jules Verne noch gar nicht, nicht das Buch 20.000 Meilen unter dem Meer, nicht die Nautilus. Und vom Point Nemo, dem Pol der Unzugänglichkeit, weiss ich sowieso erst seit wenigen Jahren.

Als Grundschulkind lernte ich schwimmen, war viele Jahre im Schwimmverein. Einmal im Jahr, mit den Eltern an der slowenischen Adria, mutierte ich zu Meerjungfrau und Wasserratte. Anfang 20 bekam ich dann plötzlich bei Berührungen im Meer Panik. Ein kleiner Fisch? Die Nase eines riesigen Seeungeheuers? Zu viel Fantasie? Schwarz geflieste Streifen am Grund waren lange Zeit die einzig akzeptable Schwimmumgebungen.

Genervt von einschränkender Angst, machte ich Mutproben zum Spiel und seit ein paar Jahren schwimme ich wieder fast unbekümmert raus. Ich lernte auch tauchen. Einen ganzen Monat lang schnorchelte ich damals auch mehrmals täglich über belebte Korallenriffe direkt vor der Haustür. Mit der Schnorchelmaske ein Auge über der Wasseroberfläche, das andere inspizierte die Welt darunter. Die Wasseroberfläche hat etwas Magisches und ist dabei durchlässiger als Alice‘ Spiegel.

Ich kenne viele Geschichten übers Meer, die nicht meine eigenen sind. Thor Heyerdals Kon-Tiki Expedition, Jacques Cousteaus Filme, Sponge Bobs Erlebnisse, Seeräubergeschichten. Der Entschluss des jungen Kroaten, den ich mal traf, der in einer kleinen Hütte am Meer vom Fischfang leben wollte. Geschichten von Tauchern, die es aus Übermut oder Todessehnsucht für immer in die Tiefe zog. Nahezu jede Mare TV Folge, Geschichten von Weltumseglern. Ich liebe sie. Alle. Die fröhlichen, melancholischen, entspannten, abenteuerlichen, gruseligen und schrecklichen. Weil sie mich aufwühlen.

Ich liebe das Meer, ich fürchte es. Mein letzter Tauchgang führte zu einem Wrack, um das friedliche Fledermausfische schwammen. Aus unerklärlichen Gründen ergriff mich Panik, ich hätte mir am liebsten das Atemgerät weggerissen. Jeder Gedanke war hoch! raus hier! so schnell wie möglich! Was über Wasser vielleicht richtig gewesen wäre, hätte mich dort das Leben kosten können. Relax in Panic! Das, und mein Tauchbuddy halfen mir, sicher wieder nach oben zu kommen. Dieses Erlebnis weckte in mir Kampf- und Lebensgeist in einer Zeit, in der ich schon lange auf der Flucht war.

Panik, Euphorie und alles dazwischen. Ich weine ins Meer vor Glück. Den Urschrei schreie ich ins Meer. Mit dem Gott des Meeres möchte ich mich paaren.

Das Gehäuse einer großen Meeresschnecken am Ohr, horche ich hinein, höre meine eigenes Blut durch die Adern rauschen und stelle mir vor, es sei das Meer.

Anna Calvi – Rider to the Sea (unreleased) from Ian Pons Jewell on Vimeo.